Zum Inhalt springen

Portrait Dave Leuthold

Dave_leuthold

Dave Leuthold: Wer übernimmt die Verantwortung für unsere Illusionen?

Der Musiker Dave Leuthold hat an der ZHdK im BA Musik Vertiefung Jazz und Pop bei Bernhard Bamert Posaune studiert und 2010 abgeschlossen. Er ist nicht nur Posaunist, sondern auch Produzent, Arrangeur und Komponist seiner eigenen Band.

von Christian Ledermann *

War es für dich schon als Kind klar, dass du Musiker werden willst?

David Leuthold: Der Begriff "Musiker" hat sich in meinem Verständnis stets gewandelt. Als ich ein Teenager war, galt er für mich als unerreichbares Ziel. Später rückte die Idee und Hoffnung, als Musiklehrer leben zu können, in den Vordergrund. Während des Musikstudiums an der ZHdK lernte ich verschiedenste Arbeitsfelder des Musikers kennen. Heute weiss ich, dass ich Musiker sein will.

Kommst du aus einer musikalischen Familie? Oder fanden deine Eltern deinen Studienwunsch eher eigenartig?

Bis ich damit begonnen habe. wurden in meiner Familie keine Instrumente gespielt. Trotzdem wurde ich von meinen Eltern mit viel Engagement unterstützt. Sie ermöglichten mir den Unterricht an der öffentlichen Musikschule. Ich konnte spielen so viel ich wollte und hatte immer ein gutes Instrument zur Verfügung.

Dazu kommt, dass mein Vater über eine Platten-Sammlung verfügt, die für mich heute noch interessant ist.

Was ist denn aus deiner Sicht das wichtigste, was du während deines Studiums gelernt hast? Und was hast du vermisst?

Das Studium an der ZHdK war eine einzige Bereicherung. Es wurde mir bewusst gemacht, dass hinter jedem Begriff ein Ozean von Möglichkeiten steht. Jedes Blatt Papier kann einen für ein Jahr im Keller verschwinden lassen. Ich merkte, dass man sich etwas herausgreifen und da richtig reingehen muss.

Hingegen habe ich damals oft gedacht: "Wer übernimmt die Verantwortung für unsere Illusionen?" Kein Dozent hat uns an die Realität erinnert. Während des Studiums hat mich das manchmal beängstigt, habe ich das vermisst. Doch heute glaube ich, dass es gut war so. Die Realität ist für die Kunst nicht gesund. Nur wenn wir als Studierende hart, fokussiert und konzentriert arbeiten können und müssen, dann kommt am Ende das Beste raus.

Hast du im Studienalltag gespürt, dass die ZHdK viele Kunststudien unter einem Dach zusammenfasst? War ein Austausch mit Studierenden anderer Fachrichtungen vorhanden, oder hattest du vor allem mit anderen Musikstudierenden Kontakt?

Ich denke, alleine schon dadurch, dass es im Departement Musik die verschiedensten Studienrichtungen gibt, bestehen vielfältigste Möglichkeiten. Da besteht ein grosses Potential. Die Jazz-Abteilung pflegt zwar noch immer ihren familiären Charakter. Trotzdem konnte ich das breite Angebot der ZHdK sehr gut nutzen. Es nützt nichts, kleine Stars an kleinen Abteilungen zu kreieren. Ich denke global, nicht familiär.

Allerdings kann man die Zusammenarbeit der verschiedenen Departemente bestimmt noch ausbauen. Sobald die Infrastruktur angepasst ist, und das heisst vor allem: die ZHdK ins Toni-Areal umgezogen ist, wird da sicher noch einiges passieren. Ich hoffe und glaube, dass sich die Schulleitung und die Dozenten darauf einlassen werden.

Wie sieht dein Alltag aus? Woraus setzt sich eine typische Woche bei dir zusammen? Und womit verdienst du genau deinen Lebensunterhalt?

Ich verdiene meinen Lebensunterhalt mit dem Reparieren von Blasinstrumenten. Das heisst: Um 6 Uhr aufstehen, eine Stunde üben, zugfahren, arbeiten, zugfahren. Den Abend verbringe ich mit meiner Partnerin in unserer Wohnung in Zürich. Die restliche Zeit verbringe ich in meinem Proberaum im Dynamo. Hier kann ich meine Ideen umsetzen. Zurzeit arbeite ich am neuen Programm für "Joslin's Smile". "Joslin’s Smile" ist das stimmige Produkt aus der Zusammenarbeit mit der Sängerin Alessandra Murer und dem Bassisten Benjamin Conçalves. Synthesizer Elektro Pop mit viel selbstgebauten Klängen. Bei der neusten Arbeit verwende ich Klänge, die ich in Venedig und in Zürich aufgenommen habe. Ich bin fasziniert von den Möglichkeiten im Umgang mit Audiomaterial. Ich verwende alles Mögliche von iPhone bis hochauflösenden Geräuschen, bearbeite diese mit Filtern, schneide, verdrehen und bringe alles in die Form des Songs.

Du bist - wie alle ZHdK-Absolventinnen und -Absolventen seit 2008 - automatisch netzhdk-Mitglied geworden. Was versprichst du dir von der Alumni-Organisation?

Die Alumni-Organisation ist für mich ein Baustein im persönlichen Netzwerk. In unserer Branche ist es wichtig, auffindbar und präsent zu sein. Sich zu organisieren ist allerdings für einen Musiker nicht selbstverständlich. Wäre die Kultur ähnlich gut organisiert und als Lobby ähnlich präsent wie zum Beispiel der Sport, hätten vielleicht Theateraufführungen die gesellschaftliche Breitenwirkung, wie sie heute etwa Fussballspiele haben.

www.joslinssmile.ch


* Christian Ledermann leitet die Geschäftsstelle von netzhdk, der Alumni-Organisation der ZHdK