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netzhdk vergibt jedes Jahr an einen Bachelor- oder Master-Alumni der ZHdK einen mit 10'000.– Franken dotierten Förderpreis.

Ausgezeichnet wird eine Person oder eine Gruppierung, deren Schaffen durch besondere Eigenständigkeit, Innovationskraft und fachliche Qualität auffällt. Die Nominationen erfolgen jeweils durch die Studiengangs- und Vertiefungsleitungen der ZHdK.

Wir haben allen Nominierten sieben Fragen zu ihrem Schaffen, ihrer Studienzeit und ihren Zukunftsplänen gestellt. Die Antworten können hier gelesen werden.

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Stefanie Mrachacz
MA Theater Schauspiel
mrachacz
An welchem Projekt arbeitest du aktuell?

Derzeit gibt es bei mir wieder einmal mehrere Baustellen:
Ich bin, als fest engagierte Schauspielerin im Ensemble des Theater Freiburgs, größtenteils mit den üblichen (5-6+2 kleine) Produktionen (über 110 Vorstellungen in der letzten Spielzeit) beschäftigt.
Dennoch bereite ich gerade die Wiederaufnahme und Fortsetzung meines konzertant-diskursiven Abends „Die perfekte Frau“ mit Tom Schneider vor. Des weiteren arbeite ich an einer mobilen Umbearbeitung für theaterferne Orte meines Solos über Flucht und Ankommen „33 Bogen und ein Teehaus“ sowie an neuen eigenen Projekten. Zum Beispiel einer Messe für das Rad im Fahrradkeller unseres Theaters und verschiedene Konzertsettings,wie zu Beispiel eines in einem Steinbrunnen, ein anderes in einem Club. Außerdem bin ich schon seit Wochen in der Recherchephase meiner nächsten größeren Eigenproduktion für die nächste Spielzeit mit dem Arbeitstitel „Was bist du wert, Bert?!“. Darin wird es um materielle und immaterielle Werte und Wertschöpfung gehen, das Verhältnis von BIP zu NaMB-BIP (Nicht-am-Markt-Beteiligtes-BIP). Wir zocken in einem Spiel um den eigenen Wert. Hier werden Werte und Wachstum, Nachbarn, die Nächsten und Nahliegendes, Kosten und Karma gegeneinander ausgespielt. Und der Preis ist: Tja, was hat denn nun objektiven Wert?

Weiterhin und außerdem beschäftige ich mich, nun das vierte Jahr im Ensemble am Stadttheater, seit einem Jahr in neuer Intendanz und neuem Team, mit den Strukturen eines Stadttheaters, mit guter Kommunikation, mehr Transparenz der Prozesse und Gagen, einer gemeinsamen Feedback-Kultur bzgl. Produktionen, Arbeitsweisen der GastregisseurInnen, gemeinsamen Zielen, Austausch unserer Geschmäcker unseres Ensembles, sowie bessere Arbeitsbedingungen.

Seit Beginn 2016 bin ich bei den Bundesweiten Ensemble-Netzwerk-Versammlungen zugegen und eine meiner Ideen in der vorletzten Konferenz wurde dieses Jahr tatsächlich umgesetzt: Eine gemeinsame große (lustvolle, positive) Demonstration „Die Parade der Darstellenden Künstler“ zur Sichtbarmachung eines großen und vielfältigen Berufsstandes und seiner Bedürfnisse und Themen.
Diese Sichtbarmachung führte ich auch in Einzelgesprächen und durch zwei Führungen „von unten nach oben“ durch unser Theater mit insgesamt 12 Landtag- und Stadtrat-Abgeordneten vor Ort.

Neben den Proben und Vorstellungen, den eigenen Konzept-Ideen und der Stadttheater-Strukturfrage, arbeite ich an einer Dissertation über Künstlerische Intervention (in Organisationen und Unternehmen) mit, und zwar als Künstlerin in meinem Feld. Ich interveniere mit einem künstlerischen Zugriff (letztlich ist das eine recht musikalische lecture performance geworden) auf die vier Fazits der vier Kapitel jener Dissertation von Elisabeth Helldorf. Nach mir intervenieren noch drei andere KünstlerInnen in Komposition, Tanz und Illustration und sie wird ihr Gesamtfazit daraus ziehen.

Was heisst für dich „Qualität“ in deiner Disziplin?

• Arbeit an Präsenz ( Offenheit, Flexibilität, Lauschen)
• Emotionale und intellektuelle Durchlässigkeit
• Selbstreflexion, ein hoher Anspruch an sich und die Sache
• Liebe dem Publikum gegenüber, Verantwortung der Kunst, Inhalt vor, Lust statt Eitelkeit
• Authentizität als Darstellungsform beherrschen, Vielseitigkeit in den Ausdrucksformen
• Offen und variabel in den Arbeitsweisen zu sein
• Musikalisches und räumliches ästhetisches Empfinden, gute Intuition aber auch Mitdenken

Was schreibst du, wenn du beim Arzt oder im Flugzeug ein Formular ausfüllen musst, unter „Beruf“?

Mittlerweile Schauspielerin

Von welcher in deinem Studium gelernten Lektion zehrst du bis heute?

• Improvisation mit Stock und Partner in an der Scoula Dimitri in Verscio
• Der interdisziplinäre Workshop (2 Wochen) mit Peter Ender, David Mamet, Henning und Jesus über einen englischen Text (‚Girafe‘) im Mai 2014 in Zürich. Das war für mich ein Türöffner, ein Ausdrucksventil, eine Befreiung und ein Geschenk.
• Ähnlich der Kurs mit Vivianne de Munck (NeedCompany) an der HBK in Bern.
• Die Produktion „der Menschenfeind“ mit Sebastijan Horvat. Ich hatte einige Situationen von Diskriminierung in Zürich, gleichzeitig einen Unmut gegenüber KommilitonInnen, die den Fundus beklauten, und dies trotz sozialer Sicherheit und Stipendien. Zu jener Zeit prüfte ich stark meine persönlichen Werte und musste verstärkt auf mich darauf vertrauen lernen. Meine inneren Konflikte und meine Überzeugung, warum ich Kunst mache und eine faire Gesellschaft will, brachte ich schließlich in einem Kritik-Monolog meiner Rolle der Arsinoé in die Inszenierung ein. Das kostete mich damals sehr viel Mut, war letztlich auch methodisch aber zukunftsweisend für mich.
•Die Möglichkeit durch die breit aufgestellte ZHdK einige interdisziplinäre Projekte zu machen, war für mich wohltuend erweiternd.
(Zum Beispiel mit der Bildenen Performance-Künstlerin Julia Geröcs, der Volkswissenschaftlerin Claudia Canella, oder mit einer promovierenden Kanadierin im Bereich Transdiziplinarität-Kognitionswissenschaft eine Performance über körperliche Grenzen und Individuum bei körperlicher Synchronität und körperlich-gewohnten Gebrauchsbewegungen.)
• Auch die Symposien der verschiedenen Künste und Zugänge fand ich wichtig. Versuchskaninchen bei Experimentellen Tagungen zu Virtual Desgin und Gaming zu sein, fand ich sehr inspirierend. Das motivierte mich dazu, eine eigene Kuration eines 3-Monatsprogramms in der Gessnerallee Zürich (LASS ES RAUS!) mit Anja Egli und Dominik Fornezzi zu verwirklichen.

In welchem Bereich hast du seit deinem Studienabschluss am meisten dazugelernt?

Präsenz.

Dazu gehört Offenheit, Lauschen, was ist außen, was ist bei mir innen los, was braucht es jetzt an Entscheidung. Dazu gehört eine Klarheit, die ich vor allem im Aikido oder Suzuki erfahren hab. Diese Qualität der Klarheit und Präsenz liebe ich in der Improvisation.

Präsenz, das heißt auch, mich ganz zur Verfügung stellen können, ohne zu zweifeln an mir und dem, was ist, und ob ich oder das, was wir tun, gut genug ist. Früher hatte ich Unbehagen vor Leuten mit Konkurrenzdenken, heute weiß ich: Das lenkt ab, ist nur eine Vorstellung und verhindert wahrhaftige Präsenz.

Präsenz heißt für mich aber auch, die Lücken, die Pausen zwischen dem Machen, dem Proben, dem Spielen, zu nutzen, um Unverstandenes zu befragen. Als Spielerin auch dramaturgisch mitzudenken, Vertrauen aufzubauen, Kritik oder Ideen loszuwerden und dadurch mehr Stimmigkeit in das Miteinander und in das gemeinsame Vorhaben zu bringen. Präsenz heißt für mich also auch: Ich übernehme Verantwortung und bleibe damit präsent im Prozess. Gemeinsam sind wir am besten. Wenn mein Partner, meine Partnerin klar ist und führt, dann lass ich mich ein. Wenn nicht, dann zeige ich, dass ich da bin. Und wenn ich nicht fühle oder verstehe wohin es gehen soll und ich mich nicht fallen lassen oder richtungsweisend agieren kann, dann bring ich mich – Achtung: präsent - in den Gestaltungsprozess ein. Und frage nach. Oder gebe einen Impuls. Sonst ist der Prozess vorbei. Wie beim gemeinsamen Tanzen.

Welche Persönlichkeit einer anderen Disziplin fasziniert dich?

Wes Anderson. Ein Maler, ein Komponist, ein guter Humor, der Schönheit der Abgründe, ein Kosmos vielschichtiger, bizarrer Gestalten ... – und ich finde ihn so präzise in allem.

In welche Richtung möchtest du dich in Zukunft vermehrt entwickeln?

Die verschiedenen Künste interessieren mich und liegen mir. Ich habe ein Hang zum Theater aus Belgien und den Niederlanden, sowie aus Skandinavien. Ich mag deren transdisziplinäres Denken, deren Humor und deren Charme sehr. Dieses Jahr arbeite ich mit einem belgischen Team musikalisch-performativ, und arbeitete sehr gelungen mit einem norwegisch-dänischen Performancekollektiv über eine mögliche Volksoper zusammen, in dem ich mich als Schauspielerin erst erzählerisch, dann auf Heliumim gesanglich an der sehr hohen Arie der Königin der Nacht versuche. Performance und Verletzlichkeit trifft Oper… Mal sehen, was da noch kommt.

Ich schätze gelungene künstlerische Begegnungen und Zusammenarbeiten und wünsche mir langfristig eine bleibende Komplizenschaft oder ein Kollektiv, mit dem vielfältige Ausdrucksformen und Kommunikation auf Augenhöhe möglich sind.

Internationaler Austausch (nicht nur eine Regie aus einem anderen Land) interessiert mich. Was können wir voneinander lernen? Wie beschreiben? Wie lehren oder nebeneinander stellen? Mehrere Sommer forschte ich mit afghanischen, französischen, belgischen und israelischen KollegInnen an einer universellen Volkstheaterform. Letztlich produzierten wir das Stück „ KULA - nach Europa“. Dementsprechend möchte ich nach wie vor international arbeiten.

Als Allrounderin möchte ich weiterhin eigene Ideen umsetzen, sowohl in der Konzeption und Dramaturgie und auch als Performerin (Spiel, Gesang,…). Eigene Arbeiten und deren Umsetzung fördern mich, fordern mich und stießen auf positive Resonanz. Ich will mehr und weitermachen!

Abschließend zur Frage, wie ich mich in Zukunft entwickeln will: präsent bleiben!

Zu meiner Lektion von Präsenz gehört auch: Was will ich mit meinem Leben machen? Was soll mein Beruf alles sein und wie? Was ist auch nur Vorstellung davon und was brauche ich? Was tut mir gut? Was will ich hinterlassen? Meine ständige Unruhe: Ist das was ich tue, gut genug oder reicht mir dieser Ort, diese KollegInnen, dieses Theater? Darauf zu vertrauen, dass ich, wenn ich tue was ich brauche, meine Richtigkeit entwickle. Das gehört für mich auch zu meiner Selbstverantwortung dazu. Und ich bin grad persönlich am wachsen und entwickeln – auch künstlerisch. Eigeninitiativ und vielseitig. Bäm!