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netzhdk vergibt jedes Jahr an einen Bachelor- oder Master-Alumni der ZHdK einen mit 10'000.– Franken dotierten Förderpreis.

Ausgezeichnet wird eine Person oder eine Gruppierung, deren Schaffen durch besondere Eigenständigkeit, Innovationskraft und fachliche Qualität auffällt. Die Nominationen erfolgen jeweils durch die Studiengangs- und Vertiefungsleitungen der ZHdK.

Wir haben allen Nominierten sieben Fragen zu ihrem Schaffen, ihrer Studienzeit und ihren Zukunftsplänen gestellt. Die Antworten können hier gelesen werden.

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Lisa-Katrina Mayer
MA Theater Schauspiel
mayer
An welchem Projekt arbeitest du aktuell?

In der letzten Zeit beschäftigte und beschäftige ich mich hauptsächlich mit drei Projekten.

Zunächst ist da eine Arbeit zu nennen, deren Startpunkt rund eineinhalb Jahre zurück liegt und mit der ich nun Anfang Juni 2018 am Schauspielhaus Zürich Premiere hatte. 
Als festes Ensemblemitglied werde ich für gewöhnlich von Dramaturgie und Regie für die Stücke besetzt, die ich spiele. In diesem Fall habe ich gemeinsam mit der Schweizer Choreografin Salome Schneebeli, sowie der finnischen Videokünstlerin Heta Multanen ein Konzept entwickelt, das wir dem Schauspielhaus Zürich vorschlugen. Unsere Idee wurde angenommen und als offizieller Beitrag für die Zürcher Festspiele 2018 in den Spielplan des Schauspielhauses integriert. Ab diesem Zeitpunkt fungierte ich parallel zu meiner Funktion als Spielerin und Teil des künstlerischen Kollektivs auch als Produzentin, sowie Produktionsleiterin des Projekts. 
Es handelt sich bei dem Abend um die Schweizer Erstaufführung von Sibylle Bergs „Missionen der Schönheit. Holofernesmomente“. Ein Solo, das sich anhand von Bergs Text mit der unscharfen Grenzlinie zwischen mir als Schauspielerin/Performerin und als Privatperson beschäftigt. Grundlage von Bergs Text ist der alttestamentarische Mythos von Judit und Holofernes. Von acht Frauenfiguren zwischen 12 und 75 Jahren wird das Verhältnis von Macht, Schönheit und Gewalt untersucht. Welches Geschlecht hat Macht innerhalb unserer Gesellschaftsstrukturen und welches Geschlecht hat Schönheit? Was sind die Mechanismen der Gewalt - von Männern gegenüber Frauen, aber insbesondere auch von Frauen gegenüber sich selbst? Wie bereitwillig unterwerfen wir uns vorsorglich, ordnen wir uns ein - auch als selbstbestimmte emanzipierte Frau? Weil es in uns eingeschrieben zu sein scheint, dass wir die Expertise über Schönheit besitzen, während Männer Macht haben. Weil wir geprägt sind von dem Wunsch, zu gefallen und unsere Selbstdefinition fast immer über ein Außen stattfindet, ein Einordnen innerhalb einer meist männlichen Beurteilungsmatrix. 
Der Abend beschäftigt sich mit diesen Themen auf verschiedenen Ebenen. Zum einen ist er stark von Mitteln des zeitgenössischen Tanzes geprägt, gleichzeitig gehen Videosequenzen, sowie das live gesprochene Wort und musikalische Elemente stetig ineinander über.

Das zweite Projekt an dem ich parallel arbeitete, hatte kurz darauf seine erste Premiere am Deutschen Theater in Berlin. Hierbei handelt es sich um eine Koproduktion des Deutschen Theaters mit dem Schauspielhaus Zürich. Ich spiele dabei die Hauptrolle der jungen armenisch-stämmigen Amerikanerin Lusine, die sich ausgelöst von Tonbandaufnahmen aus Kriegsgefangenenlagern im ersten Weltkrieg, beginnt mit der eigenen Familiengeschichte, dem Genozid an den Armeniern und ihrem kulturellen Erbe als Armenierin auseinanderzusetzen. 
Nach der Premiere am Deutschen Theater in Berlin wird die Produktion im Oktober 2018 auf das Schauspielhaus Zürich übertragen.

Die dritte und neu bevorstehende Arbeit ist meine Rolle der Nora in „Nora oder ein Puppenhaus“ von Ibsen, in der Regie des russischen Regisseurs Timofey Kuliabin. Kuliabin, der in Europa zuletzt mit seiner „Drei Schwestern“ Inszenierung in Gebärdensprache auf sich aufmerksam machte, wird uns SchauspielerInnen in diesem Fall einen Großteil des Ibsen Textes über Messenger Apps austauschen lassen. Es geht hierbei um die Kraft des geschriebenen Wortes, um das nicht Gesagte, das in der Übermittlung verloren Gegangene, das Verstecken hinter digitalen Schutzmechanismen, wie sie heutzutage allgegenwärtig sind.

Was heisst für dich „Qualität“ in deiner Disziplin?

Ein Anliegen zu haben, weswegen eine Arbeit stattfindet und dieses Anliegen ernsthaft und aufrichtig zu verfolgen, darin konsequent zu sein und sich nicht vorsorglich einem vermeintlichen Publikumsgeschmack anzupassen. 
Eine Arbeit, bei der ich eigenständig denkende Wesen auf der Bühne sehe, die sich mit dem was sie sagen und performen selbst verbinden, sich in Bezug setzen, interessiert mich. Es geht nicht darum zu gefallen, einen Rezipienten oder Rezensenten dazu zu bringen, meine Arbeit zu mögen. Natürlich freut es mich, wenn man gemocht wird, wenn ankommt, was ich zeige, doch darum geht es nicht. Ich leiste als Schauspielerin und Performerin eine Denkvorarbeit, setze mich mit einem Thema auseinander und biete dem Publikum dann das Ergebnis meiner Studie zur individuellen Verwertung an. So wie ich von mir erwarte, ein denkendes Wesen zu sein, eine Haltung einzunehmen, wünsche ich mir das auch von einem Publikum - zu denken und die von mir auf sinnliche Weise zur Verfügung gestellte Erfahrung für sich zu bewerten, sich in Bezug zu setzen. Ambivalente Reaktionen und Diskurse herauszufordern, etwas beim Zusehenden auszulösen, das macht für mich die Qualität einer Produktion aus. 
Gleichzeitig gibt es aber auch grundlegende Fertigkeiten, die für mich Qualität ganz offenkundig ausmachen. Dazu gehören handwerkliche Präzision, Körper- und Stimmbeherrschung, Durchlässigkeit, Kraft und Disziplin eines Performers/einer Performerin, sowie die Fähigkeit, sich immer wieder auf „Reset“ setzen und von jeder neuen Arbeit und jedem neuen Impuls überraschen lassen zu können.

Was schreibst du, wenn du beim Arzt oder im Flugzeug ein Formular ausfüllen musst, unter „Beruf“?

Schauspielerin

Von welcher in deinem Studium gelernten Lektion zehrst du bis heute?

Die Vernetzung mit zahlreichen Künstlern, Studierenden und Dozierenden meiner sowie anderer Sparten an der ZHdK und an den Partnerhochschulen in Bern, Verscio und Lausanne, war für mich elementar. Das breite Netzwerk, das sich aus vielen unterschiedlichen Begegnungen im Studium aufbaute, erscheint mir als das Fundament auf dem sich mein bisheriger Weg aufbaut. Die Offenheit neuen Formen gegenüber, die Interdisziplinarität und der Boden zur Entwicklung einer eigenständig denkenden und schaffenden Künstlerpersönlichkeit erscheinen mir rückblickend als wichtigste Aspekte meines Studiums.

In welchem Bereich hast du seit deinem Studienabschluss am meisten dazugelernt?

Zum einen in den Bereichen physical theater und Tanz und in der Verknüpfung dessen mit Sprechtheater. Zum anderen im Bereich Produktionsleitung und Organisation beim Realisieren eigener Projekte.


Welche Persönlichkeit einer anderen Disziplin fasziniert dich?

Cindy Shermann/ Irving Penn/ Sibylle Berg/ Susan Sontag/ Patty Smith/ Meg Stuart/ Antonja Livingstone/ Elfriede Jelinek/ Mette Ingvartsen - um nur einige zu nennen…

In welche Richtung möchtest du dich in Zukunft vermehrt entwickeln?

Durch meine intensiven Trainings und die Arbeit und mit Salome Schneebeli, die mir den zeitgenössischen Tanz näherbrachte habe ich gemerkt, dass ich mich extrem für das körperliche Moment im Theater interessiere. Wie nähere ich mich einem Text ausgehend vom Körper? Wie kann ich meinen Körper als unmittelbare Ausdrucksform verwenden und ausreizen? 
Die physische Präsenz des Körpers auf der Bühne ist letztendlich alles, was dem Schauspieler wirklich zur Verfügung steht. Der Körper ist das einzig reale, das haptische Instrument und dieses gilt es durch und durch zu kennen und zu beherrschen, um daraus neue Freiheiten entstehen lassen zu können.

Ich möchte mich zunehmend mit Tanztheater beschäftigen, möchte mehr im Bereich zeitgenössischer Tanz und physical theater lernen, um diese Erfahrungen in meine Arbeit am Theater einfließen lassen zu können. Ich erhoffe mir dadurch für mich ganz neue Ausdrucksformen zu erlangen und eine Befreiung meiner eigenen Seh- und Spielgewohnheiten.