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netzhdk vergibt jedes Jahr an einen Bachelor- oder Master-Alumni der ZHdK einen mit 10'000.– Franken dotierten Förderpreis.

Ausgezeichnet wird eine Person oder eine Gruppierung, deren Schaffen durch besondere Eigenständigkeit, Innovationskraft und fachliche Qualität auffällt. Die Nominationen erfolgen jeweils durch die Studiengangs- und Vertiefungsleitungen der ZHdK.

Wir haben allen Nominierten sieben Fragen zu ihrem Schaffen, ihrer Studienzeit und ihren Zukunftsplänen gestellt. Die Antworten können hier gelesen werden.

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Nicolas Stocker
MA Musik Jazz
stocker
An welchem Projekt arbeitest du aktuell?

Mein Hauptfokus liegt zurzeit auf der Fertigstellung meines ersten Soloalbums. Die erste musikalische Zelle des Albums ist dabei bereits vor sieben Jahren entstanden, als dreiminütiges Solostück. An dieser Zelle habe ich seither kontinuierlich weitergearbeitet bis sie zur aktuellen Länge von 50 Minuten gewachsen ist. Im Dezember 2017 habe ich das Album während einer sechsmonatigen Atelier Residency in Berlin aufgenommen. Für mich war es sehr wichtig, mir die Zeit zu nehmen, die Musik reifen zu lassen. Erst jetzt habe ich mich der Herausforderung gewachsen gefühlt, diese Arbeit zu dokumentieren, da ich mir selber auf einer instrumental-technischen Ebene einiges zugemutet habe. Das Album wird im Dezember 2018 auf Ronin Rhythm Records erscheinen und im Moods getauft werden.

Weiter sind Theaterprojekte mit mir als Musiker an der Gessnerallee und am Stadttheater Mannheim geplant, und mit meinem Trio KALI arbeiten wir an unserem zweiten Album. Im Herbst erscheint ausserdem sowohl ein Duo Album mit der amerikanisch-armenischen Sängern Areni Agbabian als auch der Film Glaubenberg von Thomas Imbach, bei dem ich musikalisch mitgewirkt habe. Meine Arbeit als Sideman in verschiedensten Bands, ua. Nik Bärtsch´s Mobile, sind dabei ständiger Begleiter und immer aktuell!

Was heisst für dich „Qualität“ in deiner Disziplin?

Klangbewusstsein und Timing sind für mich zentral. Beides kann Musik zum Fliegen bringen, aber auch die Stimmung zerstören, wenn unachtsam damit umgegangen wird. Mit Timing ist dabei nicht nur das Offensichtliche wie Groove und Phrasierung gemeint, sondern auch ein Gespür für musikalische Bögen und ein Austarieren von Spannung und Entspannung. Dies gilt vor allem auch im Zusammenspiel mit anderen Musikern. Auf einer persönlichen Geschmacksebene suche ich immer stärker nach einer Schlichtheit und einer Reduktion auf das Wesentliche. Eigenständigkeit, Authentizität, Dringlichkeit und Präzision sind für mich weitere wichtige Parameter für Qualität, auch in anderen Disziplinen.

Was schreibst du, wenn du beim Arzt oder im Flugzeug ein Formular ausfüllen musst, unter „Beruf“?

Musiker, selbständig. Eine exaktere Beschreibung würde wohl mehr Fragen aufwerfen als beantworten.

Von welcher in deinem Studium gelernten Lektion zehrst du bis heute?

Die beste Lektion war offen und neugierig zu sein. Ich hatte während dem Studium das Glück, nach kurzer Zeit der einzige Schlagzeuger in meinem Jahrgang zu sein. So konnte ich auf einmal doppelt so viele Workshops belegen, wie im Lehrplan vorgesehen und spielte bald auch neben dem Schulkontext in unzähligen Bands. Ich habe einfach so viel angenommen, wie ich konnte, ohne mich dabei stilistisch einzugrenzen. Dies führte dazu, dass ich nach dem Studium extrem breit gefächert war und in den unterschiedlichsten Stilen „real-life“ Erfahrungen machen konnte. Die Spannbreite reichte dabei von zeitgenössischer Klassik über Prog-Rock, Jazzstandards, radiotauglicher Popmusik und freier Improvisation.

In welchem Bereich hast du seit deinem Studienabschluss am meisten dazugelernt?

Meine stilistische Breite hat mich als Musiker unheimlich weitergebracht. Weniger hilfreich war sie aber bei meinem Wunsch, eine eigene musikalische Sprache zu finden. Vor allem durch Tourneen und Reisen ins Ausland habe ich gelernt, meinen Fokus von den äusseren Einflüssen auf meine innere Stimme zu verlagern. Durch die örtliche Distanz zu der Szene in der Schweiz habe ich mehr und mehr gelernt, auf meine eigene Intuition zu achten. Ein wichtiger Teil bestand darin, zurück zu meinen Wurzeln als klassisch geschulter Pianist zu finden. Die daraus inspirierte Kombination von gestimmter Perkussion zusammen mit einer starken Groove-Verbundenheit hat dazu geführt, dass nach dem Master die Anfragen immer spezifischer auf mein Profil gepasst haben und auch stärker meine eigenen Vorlieben widerspiegelten.

Welche Persönlichkeit einer anderen Disziplin fasziniert dich?

Bereits als Kind haben mich die Arbeiten von Jean Tinguely beeindruckt. Die ästhetische Zweckentfremdung scheinbar verlorener Gegenstände faszinierten mich - bis heute. Hinzu kommt, dass die Skulpturen ungeheuer Krach machen! Beides hat mich womöglich unbewusst für meine Berufswahl beeinflusst. Schlagzeug ist neben der riesigen Klang und Dynamik Vielfalt potentiell eines der lautesten Instrumente. Zudem arbeite gerne mit Materialien, welche nicht unbedingt fürs Musikmachen konzipiert wurden - die Spannbreite reicht dabei von chinesischen Essstäbchen, gefundenem Metallabfall über Schuhbürsten und Malerspachteln.

Weitere Künstler wie Ragnar Kjartansson (Zeitwahrnehmung), Mark Rothko (Reduktion) oder Jim Jarmusch (Mood) inspirieren mich seit längerer Zeit ebenfalls.

In welche Richtung möchtest du dich in Zukunft vermehrt entwickeln?

Ein täglicher Stolperstein ist die Büroarbeit, welche es als selbständiger Musiker zu bewältigen gilt; Ich wünsche mir, dass sie mir irgendwann leichter fallen wird und ich sie besser in meinen Berufsalltag integrieren kann. Ansonsten möchte ich den eingeschlagenen Weg möglichst konsequent weiterverfolgen. Ich reibe ich mir oft die Augen darüber, was ich bereits alles erleben durfte. Einige Highlights waren dabei Auftritte im Berghain und in der Elbphilharmonie, die Zusammenarbeit mit den Produzenten Manfred Eicher und David Odlum, sowie zahlreiche interdisziplinäre Ausflüge in Zusammenarbeit mit anderen Medien wie Film, Tanz, Theater und bildende Kunst. Ich kann eigentlich nur hoffen, dass es sich gleich spannend weiter entwickelt wie bisher.